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Elyon, die Hexe
Elyon war als Tochter einer Hexe geboren worden. Bei ihrer Geburt
war die Mutter zufrieden, sie hatte eine Nachfolgerin, jemand dem sie ihr Wissen weitergeben konnte. Aber Elyon machte sich nichts aus all dem, sie hatte sich nie etwas daraus gemacht. Widerwillig lernte sie, wie
man aus Kräutern Medizin und Zaubertränke anfertigte, genauso widerwillig übte sie die Zaubersprüche, mit denen Mensch und Tier verzaubert werden konnten. Ihre Mutter hatte ihre liebe Not mit ihr, blieb aber hart
und zwang sie immer wieder, sich zu konzentrieren, die Formeln immer wieder und wieder aufzusagen und ihr zu zeigen, dass sie wusste, wie man die Kräuter aussortierte, trocknete, weiterverarbeitete.
Ja, sie war eine Hexe geworden, sie hatte alles gelernt, was ihre
Mutter ihr beibringen konnte. Aber sie war nicht mit dem Herzen dabei, denn in ihrem Herzen brannte ein anderes Verlangen, ein viel mächtigeres.
Als sie ein kleines Mädchen war, grade mal 8 Jahre alt, hatte sie
ein Erlebnis, das sie nie wieder vergessen und das ihr Leben für immer prägen sollte.
Unfreiwillig war sie auf einem Drachen geritten.
Sie war durch den Wald gelaufen, die Kräuter, die sie suchen sollte,
hatte sie ganz vergessen. Viel zu schön war es, den Duft der Bäume einzuatmen, die Sonnenstrahlen einzufangen, die einem, wenn man unter den Zweigen entlang lief, immer wieder wie eine zärtliche Berührung übers
Gesicht huschten. Sie hüpfte, beide Arme weit von sich gestreckt von Baumwurzel zu Baumwurzel und berührte mit den Fingerspitzen ganz sacht die Rinde. Ganz leicht ließ sie die Finger darüber streichen, zu schön war
die Empfindung, stellenweise rauh und dann wieder ganz glatt. So war sie lange gelaufen, einfach immer der Sonne nach, bis sie müde wurde und sich einen starken Ast in einer mächtigen Eiche suchte, der weit über den
Rand einer Schlucht hinausragte. Sie kletterte hinauf und rutschte vorsichtig am Ast entlang, soweit sie konnte, ohne dass er brechen würde. Dort legte sie sich auf den Bauch, wie ein Tier, das sich zum
Mittagsschlaf hinstreckte. Immer schon hatte sie jede ihrer Berührungen ganz bewusst wahrgenommen, genossen und das Gefühl ganz tief in sich aufgesogen. Sie presste sich an den Ast, schloss die Augen und wurde dabei
fast eins mit dem Baum. Langsam überließ sie ihren sonst so wachen Geist ihren Träumen.
Unter ihr, in der tiefen, grünen Schlucht, die dunkel und
geheimnisvoll war, war zwischen zackigen, scharfen Felsen verborgen eine Höhle. Niemand hatte je Fuß in die Schlucht gesetzt, keiner hatte je den Mut dazu gefunden. Zu groß war die Angst der
Menschen vor Ungeheuern, Waldgeistern, Gnomen und andren bösartigen Wesen, die sich im Wald und vor allem an so unzugänglichen Stellen wie dieser Schlucht, aufhalten sollten.
Dort, tief im Inneren der Höhle hauste der Drache Namea. Die
meiste Zeit schlief er, als wenn er auf eine Zeit wartete, in der Drachen sich wieder frei bewegen konnten, ihre Schwingen öffnen und sich vom Wind tragen lassen. Die Menschen hatten dafür gesorgt,
dass es nicht mehr viele von ihnen gab, sie wurden gehasst, gejagt und langsam ausgerottet. Er hatte nie jemandem Schaden zugefügt und schon gar keinem Menschen, denn für die Drachen waren die
Menschen wichtig, irgendein Urinstinkt zog sie magisch immer wieder in die Nähe von Menschen. Natürlich rissen sie Schafe und Kälber, um zu überleben und es gab auch Drachen, die das nicht nur
taten, um ihren Hunger zu stillen, sondern aus Zerstörungswut und einem Gefühl der Macht, das ihr Herz eingenommen hatte. Dieses kostbare Drachenherz, welches so empfindsam war, so zerbrechlich
und voller Stolz. Wie oft hatte ein Drache sein Herz mit einem Menschen geteilt, wie oft waren Drachenherzen daran zerbrochen, denn die wenigsten Menschen konnten mit so einem Geschenk
umgehen. Sie nahmen es an und ließen die Macht ihre Seele einnehmen, hielten diese geballte Kraft nicht unter Kontrolle und wurden zu schrecklichen Wesen, die nur noch Habgier, Macht und Boshaftigkeit kannten.
Jetzt war er erwacht, der Drache. Er wusste selber nicht, was ihn
geweckt hatte. Es war etwas in ihm, ein Gefühl, das sich von ganz innen nach außen drängte. Irgendwas war anders. Er war nicht mehr allein. Konnte spüren, dass jemand in seiner Nähe war.
Namea streckte sich erst einmal, fühlte sich, als wäre er versteinert gewesen und nach langer Zeit aus dem Bann erlöst worden. Seine mächtigen Glieder waren steif und wollten nicht gleich gehorchen.
Nach einer ganzen Weile konnte er sich endlich ganz erheben. Die Höhle war riesig, aber nicht groß genug, um seine Schwingen zu öffnen, ohne anzustoßen. Deshalb tat er das nur sehr vorsichtig, aber
die Empfindung war herrlich, wie eine Woge durchlief sie seinen glänzenden Körper.
Doch fast noch stärker war dieses unbestimmte Gefühl, dass jemand
in seiner Nähe war, jemand zu dem er sich hingezogen fühlte.
Er musste raus, es drängte ihn geradezu dazu, die Sicherheit der
Höhle aufzugeben und herauszufinden, wer da so starke Gefühle in ihm weckte, dass es ihn sogar aus seinem tiefen Schlaf geweckt hatte.
Elyon merkte nichts von dem, was sich direkt unter ihr tat. Hätte sie es gesehen, wäre sie sicherlich vor Angst gestorben. Sie hatte schon soviel von Drachen gehört, im Dorf wurden nur schreckliche
Geschichten über diese Wesen erzählt, ihre Mutter jedoch hatte ihr gesagt, dass diese Geschichten nicht wahr waren. Das Drachen wundersame und magische Geschöpfe seien, die man nur verehren
konnte. Trotzdem war sie sich nicht sicher, ob es ihr Angst machte oder sie faszinierte. In ihren Träumen sah sie oft Drachen, anfangs hatten sie diese Träume erschreckt, nach und nach jedoch hatte sie
sich daran gewöhnt. Als sie den anderen Kindern einmal erzählte, dass sie von Drachen träumte und doch keine Angst empfand vor ihnen, hatten diese sie ausgelacht und beschimpft.
Aber das machte ihr nichts aus, sie war immer eine Außenseiterin
gewesen. Jetzt nannten die anderen Kinder sie eben nicht nur „die Hexentochter“, sondern auch noch „das Drachenkind“.
Für die Menschen waren Träume so etwas wie Weissagungen, oder
Vorhersagen des zu erwartenden Schicksals. Deshalb gingen ihr die Leute nun aus dem Weg. Ihrer Mutter passte das gar nicht, hatte sie doch soviel Zeit damit zugebracht, ihr alles beizubringen, was sie
selber wusste, damit sie einmal die Stellung der Mutter als Heilerin, Hebamme und Zauberin im Dorf übernehmen konnte.
Doch das wollte Elyon gar nicht. Sie mochte die Nähe von anderen
Menschen nicht. So gerne sie Dinge berührte und das genoß, so wenig mochte sie Menschen berühren. Ein Schauer durchlief sie dabei, der fast schmerzhaft war und der unerträglich lange in ihrem Inneren blieb.
Sie hatte versucht, das ihrer Mutter klar zu machen, aber diese
wollte das nicht hören. So unterdrückte Elyon alle Empfindungen, wenn sie an der Seite ihrer Mutter arbeitete.
Jetzt aber wurde sie von Empfindungen geradezu überflutet. Noch
war sie nicht wach und da ihre Träume auch immer sehr intensiv waren, ließ sie sich immer noch in diesen Gefühlen treiben. Wieder träumte sie von einem Drachen, diesmal jedoch war es anders, sie
wusste, dass sie keine Angst vor diesem wunderschönen Geschöpf hatte, welches sich vor ihr dem Himmel entgegen streckte. Sie spürte nur mehr das drängende Bedürfnis dieses Wesen zu berühren, die
Hand auszustrecken und zu spüren, wie sich die Haut und die Schuppen unter ihren Fingerspitzen anfühlten.
Namea war vor seine Höhle getreten, streckte sich bis er seine volle
Größe erreicht hatte, er breitete seine Schwingen aus und bewegte sie mehrmals auf und ab. Dabei stieß er an den Ast, auf dem Elyon lag. Er bemerkte es gar nicht, war er es doch gewöhnt, dass seine
Schwingen mit den Felsen und Bäumen in Berührung kamen, so riesig waren sie.
Der Ast brach, verursacht durch das Gewicht der auf ihm liegenden
Elyon und die Schwingungen, in die er durch den Schlag des gewaltigen Flügels geraten war.
Sofort war Elyon hellwach, konnte sich jedoch nicht mehr halten,
rutschte auf dem Ast entlang nach unten, fiel und landete direkt auf dem schuppenbesetzten Rücken des Drachens.
Alles was sie in dem Moment tun konnte, was ihr Körper an
Bewegung in diesem Gemisch aus Todesangst und vollkommener Faszination zuließ war, dass sie sich sofort festhielt, wie sie sich noch vor ein paar Sekunden am Ast festgehalten hatte. Sie presste
ihren kleinen, schmächtigen, aber kräftigen Körper an dieses riesengroße, wunderschöne Wesen. Ihre Hände lagen flach auf dem Hals des Drachens, dort wo nur sehr kleine Schuppen waren und die
Haut sich glatt und kühl anfühlte, wie Leder. Ihr Körper war gegen Namea´s Rücken gepresst, sie spürte die großen, harten Schuppen durch ihr dünnes Sommergewand. Diese Schuppen, die dem
magischen Wesen einen Schutz boten, schienen auch sie zu beschützen. Die Angst verflog und machte etwas anderem Platz.
Namea hatte den leichten Aufprall zwischen seinen Schwingen sehr
wohl gespürt, er drehte den Kopf und sah Elyon aus seinen großen, wie Feuer lodernden Echsenaugen an. Elyon meinte, in einen Vulkan zu schauen, in dem ein Feuer seit Urzeiten brannte.
Beide Wesen wussten von dem Moment an, als ihre Blicke
ineinander verschmolzen, dass es so sein musste. Beide fühlten sich eins mit dem anderen, wurden ein Teil des anderen.
Namea blickte nach vorne, breitet seine Schwingen aus und erhob
sich mit einem Mal in die Luft, vorsichtig glitt er aus der Schlucht heraus, immer höher, dem Licht der inzwischen untergehenden Sonne entgegen, bis sie über die Baumwipfel hinaus waren. Elyon lag flach
auf seinem Rücken, wie ein Teil von Ihm, man konnte sie gar nicht mehr sehen.
Wie ein Rausch den sie nicht mehr kontrollieren konnte, war es.
Alles was sie wahrnahm schlug wie eine Welle über ihr zusammen, Angst, Faszination, ein übermenschliches Glücksgefühl und von ganz innen heraus eine tiefe Liebe zu diesem Wesen, welches sie mit sich fort trug.
Sie konnte sich an nichts andres erinnern, als an diese gewaltigen
Empfindungen. Sie wusste nicht mehr, wie lange sie so durch die aufkommende Nacht geflogen waren und wann Namea sie abgesetzt hatte, oder wo. Irgendwann gegen Morgen war sie auf einer
Lichtung zu sich gekommen, als wäre sie in einem Traum gefangen gewesen und das Sonnenlicht hätte sie befreit.
Sie erinnerte sich sehr wohl an Namea, sie wusste, das sie ein Teil
voneinander waren und dass sich das nie mehr ändern würde. Sie machte sich gar keine Gedanken darüber, wo er jetzt war und ob sie ihn jemals wiedersehen würde. Sie wusste es einfach.
Das war das Erlebnis in ihrer Kindheit gewesen, das sie so geprägt
hatte. Nach ihrem nächtlichen Flug auf dem Rücken des Drachens war sie nie mehr die gleiche gewesen. Was sie lange nicht wusste war, dass sie den Geruch des Drachen an sich hatte. Diesen Geruch
konnte niemand außer Drachen selber wirklich wahrnehmen, nur unbewusst. Das bedeutete, das die anderen Lebewesen sie entweder mieden, großen Respekt vor ihr hatten und ihr nur mit Ehrfurcht
begegneten. Niemand konnte sagen, warum das so war, aber alle verhielten sich so.
Jetzt war Elyon erwachsen, eine junge Frau. Ihre Mutter war vor
ein paar Jahren gestorben, hatte sich für sie nur noch geschämt und hatte sich die letzten Jahre mehr und mehr zurück gezogen. Sie hatte es nicht mehr ertragen, wie die Dorfbewohner über ihre Tochter
spotteten. Elyon gegenüber waren sie still gewesen, aber der Mutter hatten sie viele böse Dinge über die Tochter gesagt.
Elyon stellte noch immer Medizin aus Kräutern her und die
Dorfbewohner waren auf ihre Künste angewiesen, aber berühren tat sie die Menschen nicht mehr. Sie gab ihnen die benötigten Kräutertränke, Salben und Säfte, riet ihnen wie sie sie anzuwenden
hätten, aber sie kam niemals in das Haus eines Kranken und ließ auch niemanden in ihr eigenes. Die Menschen hatten sich daran gewöhnt und nahmen es hin.
Zu Namea hatte Elyon seit ihrem gemeinsamen Erlebnis eine
übersinnliche Verbindung, sie wusste ganz genau, wo er sich aufhielt und dass er noch am Leben war. Sie spürte, wenn er sich zur Ruhe begab, denn dann kam auch sie zur Ruhe. Es war, als wenn dieses
Feuer, das in seinen Augen gebrannt hatte, nun auch in ihr loderte und immer wenn er sich zu einer seiner langen Ruhephasen niederlegte, wurde auch das Feuer ruhiger in ihr. Am schlimmsten
war es jedoch, wenn Namea sich zur Paarung bereit machte, was nur einmal im Jahr passierte. In dieser Zeit zog sich Elyon aus dem Dorf zurück, sie hatte sich eine Behausung in einer der Höhlen des
Waldes hergerichtet. Dorthin ging sie, um allen aus dem Weg zu gehen, denn in dieser Zeit war sie wie ein wildes Tier, unberechenbar und fast grausam. Sie verschmolz wieder mit Namea und durchlitt
mit ihm alle Emotionen, die ihn überrollten. Es war die Hölle und der Himmel gleichzeitig, Schmerz und Angst, Trauer und Glück, Hass und die tiefste Liebe, die man empfinden kann. Es zerriß
Elyon fast die Seele, aber wenn es vorüber war, war sie jedesmal noch stärker und ihre Zauberkräfte noch mächtiger geworden.
Irgendwann, das wusste sie, würde Namea kommen und sie
mitnehmen. Dann würde sich ihr Schicksal entgültig erfüllen. Sie hatte keine Angst davor, es war wie das Ziel ihres Lebens.
© Claudia W. 2003
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